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Erwacht und ausgebrannt

Von Doris Iding
Erwacht und ausgebrannt © Bild:thinkstock


Dazu fällt mir ein Spruch ein: Was ist der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem gewöhnlichen Menschen? Der Heilige steht tausendmal wieder auf. Den mag ich sehr gerne, weil er aufzeigt, dass es ein ständiger Wachstumsprozess ist, in dem wir uns befinden. Aber wenn ich Sie höre, dann kommt mir der Gedanke, dass letztendlich kein Mensch – egal wie erwacht oder unerwacht er oder sie ist –vor einem Burn-out gefeit ist, sondern wahrscheinlich erst in die Erfahrung hineinrauschen muss, oder?

Ja, wahrscheinlich ist es ähnlich wie bei anderen Krankheiten auch, niemand ist davor gefeit. Dennoch muss nicht jeder erst in diese Erfahrung hineinrauschen. Wir brauchen Aufklärung, Lernbereitschaft, Umdenken. Vielleicht kann sich ja unsere Leistungsgesellschaft, die leider heute bereits die Kinder im Griff hat, doch in eine Freude-Gesellschaft verwandeln?

Wie sähe die Aufklärung Ihrer Meinung nach aus?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die unter dem Burn-out-Syndrom leiden, immer noch meinen, sie müssten sich verteidigen. Sie fühlen sich, als hätten sie versagt. Aber nicht diese Menschen haben versagt, sondern es ist ein gesellschaftliches Versagen. Bei einem bestimmten Indianervolk in Südamerika sagt man, der Mensch solle nicht mehr als drei bis vier Stunden täglich damit beschäftigt sein, für Nahrung und Lebensunterhalt zu sorgen. Der Rest der Tageszeit sei zum Spielen, Reden, in die Landschaft Schauen, mit den Kindern Sein usw. da. Alles andere sei ungesund und in ihren Augen unethisch. Das ist sicherlich das andere Extrem, aber wie weit sind wir auf der gegenüberliegenden Seite gelandet! Wie kann es sein, dass ein Volk fast ohne technische Hilfsmittel mit so wenig Arbeitszeit auskommt, während wir, die wir all die Maschinen, Roboter, Computer haben, die doch der Erleichterung unserer Arbeit dienen sollten, so viel mehr arbeiten? Wo gehen die Energie und der Gewinn, den all diese Geräte erwirtschaften, hin?

Und wie steht es mit der Lernbereitschaft und dem Umdenken? Das klingt nach Arbeit. Die meisten Menschen kommen ja gerade noch dazu, ihren Alltag irgendwie mit Ach und Krach zu bewältigen. Lernen und umdenken tun die meisten doch erst, wenn sie krank geworden sind und dann während der Genesung Zeit dafür finden, oder?

Mit Lernen meine ich hier ein entlastendes Lernen. Zum Beispiel definieren sich viele von uns über ihre Leistung und leben innerlich von erhaltener oder sogar von erhoffter Anerkennung. Das ist ein tiefes und belastendes Missverständnis, das Erkenntnis, Umdenken und Umlernen erfordert. Hinzu kommt, dass in diesem Hamsterrad von Leistung, Belohnung, Anerkennung, Hoffnung und Frustration nie ein Zustand der Sättigung, der Zufriedenheit, des Einfach-Wohlig-Seins erreicht werden kann. Der innere Mangel muss also anderweitig gefüllt werden – und dabei kommen weitere belastende Faktoren ins Spiel, die zu weiterer Überforderung und Übermüdung führen: Wir füttern uns mit Unmengen an Information, viel mehr, als unser Geist verarbeiten kann, wir versuchen, uns Leben zu leihen durch Filme, wir fahren und fliegen tausende Kilometer jedes Jahr auf der Suche nach Erholung und innerer Nahrung usw. All das erschöpft unterm Strich nur noch mehr. Über all diese Zusammenhänge berichtete ich ausführlich in meinem letzten Buch „Wir“, das vielleicht den einen oder anderen von Ihnen interessiert.

Es geht also nicht darum, im ohnehin schon überfüllten Alltag zusätzliche Zeit zu investieren, um zu lernen, mit der Überfüllung umzugehen, sondern es geht darum, Lücken zu schaffen. Erst kleine Lücken, dann vielleicht auch größere, in denen erst mal nichts vorgesehen ist – kein Freundesbesuch, kein Ausflug, kein Film und keine Arbeit, einfach nichts … Dann kann ja alles Mögliche geschehen in dieser Lücke …

Zudem geht es um die Kunst des Nein-Sagens: „Nein“ zu noch mehr Anforderung im beruflichen und privaten Alltag. Das braucht Mut, aber diesen Mut haben wir! Und die Kunst des Genug!

Können Sie dem Leser abschließend noch ein paar Tipps als Ärztin und spirituelle Lehrerin geben?

Das erste Wort, das mir da einfällt, ist Hygiene. So wie wir heutzutage auf Hygiene des Körpers achten, genauso müssen wir auf die geistige und emotionale Hygiene achten.

Tipp 1: Schaffen Sie kleine Lücken, in denen Geist, Seele und Körper sich spontan äußern und entfalten können. In diesen Lücken können Gedanken auftauchen, die wir sonst nicht zu denken wagen, Gefühle, die sonst keinen Platz haben, oder ein Tanzen des Körpers, zu dem sonst keine Zeit ist. Solch eine Lücke ist wirklich eine Zeit ohne Programm – nicht mal mit Yogaprogramm oder Meditations-programm gefüllt. Die Lücke kann erst mal 10 Minuten am Tag dauern oder einen Abend pro Woche. Nicht die Quantität, sondern die Qualität entscheidet.

Tipp 2: Achten Sie auf die kleinen Zeichen der Überforderung und leiten Sie sofort Gegenmaßnahmen ein. Das war mein eigener Fehler, diese kleinen Zeichen zu übersehen. Jetzt habe ich in mir so etwas wie einen inneren Gewerkschafter, der sehr schnell den Streik ausruft, wenn Überforderung droht, und darüber bin ich sehr froh. Ein sehr hilfreiches Indiz ist zum Beispiel, zu beobachten, wie und in welcher Stimmung man morgens erwacht. Sind Sie ausgeruht? Ist da Vorfreude auf den beginnenden Tag?

Tipp 3: Meditation

Tipp 4: Nein-Sagen

Tipp 5: In allen Lebensbereichen den Punkt des Genug entdecken und umsetzen.  

Tipp 6: Rechtzeitig zum Arzt gehen, wenn erste Anzeichen der Erschöpfung auftreten; nicht die Zähne zusammenbeißen und durchhalten.

Herzlichen Dank für das Interview!



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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.