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Haben oder Sein

Von Doris Iding
Haben oder Sein © Bild:Dreamstime
Den Blick vom Haben aufs Sein richten. YOGA AKTUELL sprach mit dem Kirchenkritiker Eugen Drewermann über die schizophrene Logik des in der Finanzkrise propagierten Kaufrausches, die grundlegenden Unterschiede zwischen Religion und Politik und einen humanen Einsatz der Errungenschaften unserer Zivilisation
Gerade zu Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise sind wir heute besonders aufgefordert, alles was wir tun und denken, zu hinterfragen und in die richtige Richtung zu lenken. Denn nur so können wir einen sinnvollen Beitrag dazu leisten, dass sich die Orientierung einer materialistisch ausgeprägten Gesellschaft vom Haben zum Sein verändert. Und nur so können wir noch ein paar Jahre hier auf diesem Planeten leben. Wenn wir bewusst, umsichtig und mitfühlend leben, können wir darauf hoffen, dass es, in welcher Form auch immer, gut mit uns weitergeht – und auch für die kommenden Generationen.

INTERVIEW

YOGA AKTUELL: Was kann der einzelne Bürger tun, um an einer Änderung der derzeitigen Situation mitzuwirken?


Eugen Drewermann: Dass sich etwas ändert, ist aus der Sicht eines Einzelnen schwer zu erreichen. Aber natürlich können wir darüber nachdenken, wie unser Wirtschaftssystem sich ändern müsste, wie unsere Lebensweise sich ändern würde. Da sind lauter widersprüchliche Anweisungen, die uns von den Politikern gegeben werden und wo wir eigentlich nur eine Ordnung in der persönlichen Lebensführung anstreben könnten. Man sagt uns zum Beispiel, dass wir auf Altersversicherung bedacht sein sollen. Jetzt haben Leute vor 10, 15 Jahren begonnen, sich als Aktionäre zu betätigen und damit die entsprechenden Unternehmen unter einen erbarmungslosen Renditesanierungszwang zu setzen. Nun haben wir das Malheur, die Wirtschaftskrise. Viele sind um all das gebracht worden, was sie sich als Lebenssicherung erhofft haben. Sie verlieren gerade ihr ganzes Geld. Gleichzeitig verkündigt die Regierung, dass uns die geradezu notwendige Überlegung des Binnenmarktes auferlegt ist, diejenigen seien die wahren Patrioten, die jetzt in einen Kaufrausch verfallen. Z.B. diejenigen, die sich durch die Abwrackprämie ein Auto kaufen, die jetzt ihre Häuser renovieren, die irgendetwas in dieser Art tun und dadurch Arbeitsplätze schaffen. Was ist mit den Leuten, die gerade erlebt haben, dass sie gar nichts mehr tun können? Wie die zunehmenden Arbeitslosen in irgendeiner Weise in den Kaufrausch verwickelt sein könnten, lässt sich genauso wenig erkennen. Er fördert die Leute, die sowieso schon eine Menge Geld hatten, und macht sie zu Staatswohltätern, indem sie ihrem Egoismus frönen, das ist irgendwie schizophren. Daraus geht mit hervor, dass man für sich nur Ordnung in die Sache bringen kann, indem man gerade nicht in Konsumvorstellungen verfällt und so bescheiden lebt, wie es geht, und nicht einfach nur Geld ausgibt, es sei denn für Menschen, die es dringend brauchen. Dass man nicht für die ferne Zukunft, die kein Mensch absehen kann, sein Glück von heute opfert, also dass man sehr alten und weisen Vorstellungen folgt, zu leben so menschlich und intensiv wie es eben geht. Alle anderen Programme haben in den letzten 10 bis 15 Jahren jede andere Art von Kredit verspielt im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

Was ist denn mit solchen Menschen, die ihr Geld verloren haben und damit gleichzeitig ihr Vertrauen in ihre Bank und in das ganze System verloren haben? Was können die denn in der jetzigen Situation überhaupt noch tun?

Überhaupt nichts. Das ist ja das Furchtbare. Sie stehen wirklich vor dem Aus. Sie haben nach einem Leben, in dem sie sich abgerackert haben, mit der Illusion, dass ihnen mit 65 oder mit 68 Jahren noch ein einigermaßen ruhiger Lebensabend beschieden sei, genau den nicht. Sie leben von der Hand in den Mund, sie wissen nicht, wie es weitergeht. In unserem Fortschrittsland USA haben wir heute buchstäblich 90jährige die froh sind, wenn sie irgendeine Stelle in irgendeinem Verkaufsladen bekommen, um ihre Medikamente bezahlen zu können. Das ist die Wirklichkeit und sie lässt sich in keiner Weise schön reden. Erstrebenswert wäre natürlich, dass wir lernen, mitten im Leben einer anderen Zielsetzung zu folgen. Wir sollten den Wert unserer Person nicht aus dem ziehen, was wir in Form von Arbeit zum Geldverdienen tun. Es ist eine entfremdete Tätigkeit.

In gewissem Sinne Diebstahl am Leben. Wir müssen rein mechanische Betätigungen abliefern, in Konkurrenz zu Maschinen, die uns aller Wahrscheinlichkeit nach eines Tages ersetzen werden. Wir müssen Fantasie, Gedankentätigkeit, persönliche Erfahrung viele Stunden im so genannten Erwerbsleben außer Kraft setzen, um störungsfrei dem Produktionsablauf beiwohnen zu können. In all diese Tätigkeiten sollten wir nicht den Hauptakzent unserer Lebensbetrachtung hineinsetzen. Wir sollten uns fragen, was wir tun, wenn wir das hinter uns haben. Welche Inhalte gibt es, die uns begeistern könnten? Welche Ziele zu erreichen ist für uns persönlich wesentlich? Auch wie man mit Menschen umgeht, woran man glaubt, wie man sein eigenes Leben entwirft. Das sind Fragen, die sich jeder stellen muss, und da wäre vielleicht am Ende eine Art von Trost, von Sinnerfüllung, von Identität und Einverständnis.

Es kommen ja viele Menschen zu Ihnen, die von der Problematik, die wir gerade angesprochen haben, betroffen sind und mit leeren Händen dastehen. Was sagen Sie einem solchen Menschen, der vielleicht 70 oder 75 Jahre alt ist, wie er damit umgehen kann?

Wir haben Gott sei Dank in aller Regel ein Existenzminimum, das zwar unterhalb dessen liegt, was gerecht und menschlich ist, aber zumindest das gröbste Auskommen sichert. Man hat in der Regel ein Dach über dem Kopf, man hat Nahrungsmittel. Und natürlich sind die Menschen, denen es besser geht, aufgefordert, sich um diese Menschen zu kümmern, ihr Mitgefühl zu zeigen und zu helfen.

Ist der Mensch von Natur aus überhaupt in der Lage, Mitgefühl zu kultivieren? Ich persönlich habe das Gefühl, dass das Gros der Menschheit nicht aus der Geschichte gelernt hat.

Ja, so scheint das. Wenn wir Menschen uns nur gegenüber der Natur, die uns hervorgebracht hat, verstehen, dann werden wir den Kampf ums Überleben auf immer höherem Niveau fortsetzen. Und sogar die Kultur als Instrument zur Durchsetzung archaischer Ziele im Überlebenskampf instrumentalisieren. Das muss nicht sein. Die Religionen versuchen seit Jahrtausenden, uns eine andere Welt zu zeigen, und basieren gerade auf dem Gedanken, dass wir, christlich ausgedrückt, allesamt Kinder Gottes sind, Gott gegenüber uns betrachten sollten als Verwandte, als Schwestern und Brüder. Das sind sehr pathetische Worte, die man nur sagen muss und sie werden als utopisch belächelt werden. In Wirklichkeit sind es Grunderfahrungen, die uns bestimmen könnten, die Errungenschaften unserer Zivilisation humanitär und human zu gebrauchen, statt unterhalb eigentlich der Erkenntnis, die uns zu den Leistungen des Fortschritts in der Kulturgeschichte verholfen hat. Nehmen Sie ganz einfach, dass wir in den Hauptfächern, die heute in den Schulen gefördert werden, Mathematik, Informatik usw., in gewisser Weise eine Sprache lernen, von welcher Galilei noch im 17. Jahrhundert sagte, es ist die Sprache, in der Gott die Schöpfung geschrieben hat. Mathematik. Wir glauben, dass alle intelligenten Wesen in den Fernen des Weltraums Strukturen des mathematischen Denkens begriffen haben würden. Mit einem Wort: Mathematik gehört niemanden, sondern es ist ein Nachvollzug einer universellen Vernunft in allen Dingen. Wenn das so ist und Mathematik die Grundlage der Physik, der Chemie, die Grundlagen aller Naturwissenschaften ist – wie kann man dann die Ergebnisse der Naturwissenschaften im Konkurrenzkampf der einen Firma gegen die andere Firma nutzen, die Entdeckungen geheim halten, um einen gewissen Ausnutzungsvorsprung zu gewinnen, um in den Rüstungsfabriken auf der einen Seite noch schlimmere Mordwaffen zu produzieren als auf der Gegenseite zum jetzigen Zeitpunkt möglich ist. Wie kann man etwas, was universitär erkannt wird und dessen Universalität zur Erkenntnisbedingung gehört, dazu verwenden, partikulär und egoistischen Zielen und Motiven zu dienen. Das ist ein einziger Widerspruch, den wir aufklären müssten. Und dabei sind die Religionen hilfreich. Nicht die Wirtschaft. Nicht das, was wir heute Politik nennen. Und ganz sicher nicht eine Betrachtung, die den Menschen nur definiert über die Herkunftslinie der Evolution aus der Natur.



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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.