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Meditatives Lesen

Von Martin Bohn
Von Information zu Transformation. Verinnerlichen statt überfliegen: Meditatives Lesen als spirituelle Übung
„Deutschland sucht das Superhirn!“ war der Titel eines Artikels, der mir vor einiger Zeit beim Lesen eines Nachrichtenmagazins ins Auge fiel. Besonders spektakulär war der dazu gehörige Artikel, in dem es um ein Ranking der führenden Intellektuellen Deutschlands ging, nicht, aber er führte mir doch deutlich vor Augen, welchen hohen Stellenwert intellektuelle Höchstleistungen in unserer Kultur genießen. Als besonders intelligent gilt demnach, wer möglichst viele Informationen möglichst schnell aufnehmen, kreativ verknüpfen und anwenden kann. Und das ist angesichts der immer größer werdenden Bandbreite und Schnelllebigkeit von Wissen im heutigen Informationszeitalter ja auch eine äußerst wertvolle, ja geradezu überlebensnotwendige Fähigkeit.
Es gibt jedoch auch „Superhirne“ einer ganz anderen Art. Buddhistische Mönche zum Beispiel, die in jahrelanger Meditationsübung gelernt haben, ihre unwillkürlichen Körperfunktionen wie Körpertemperatur und Herzschlag willkürlich zu steuern, was wissenschaftlich verschiedentlich dokumentiert und sogar gefilmt wurde. Andere Meditierende können sich willentlich in einen Zustand von tiefster Konzentration, Seligkeit oder Mitgefühl versetzen, was anhand der Hirnaktivität nachweisbar ist.

Yogis, Mystiker und Meditationsmeister aller spirituellen Traditionen haben ihr Denken in einer ganz anderen Weise geschult als es in unserer Kultur der Fall ist. Ihnen ging es nicht vorrangig um intellektuelle Höchstleistungen eines nach Außen gerichteten Denkens, sondern um Sammlung und Vertiefung anhand eines einzelnen Gedankens, mit dem letztendlichen Ziel, das Denken selbst zu transzendieren und zur Wirklichkeit vorzudringen. Kurz, man könnte sagen, es geht auf diesem Weg um Transformation statt Information.

Wir sind heute in der glücklichen Situation, dass wir Zugang zu einer ungeheuren Fülle von Weisheitstexten und heiligen Schriften besitzen. War noch vor wenigen hundert Jahren vor Erfindung des Buchdrucks und den ersten Bibel-Übersetzungen ins Deutsche dem Großteil der christlichen Bevölkerung nicht einmal Inhalt und Wortlaut der Bibel frei zugänglich, so können wir heute selbst über die esoterischsten Schriften praktisch aller spirituellen Richtungen und Religionen verfügen. Diese noch nie da gewesene Fülle und Verfügbarkeit hat aber auch eine Kehrseite: Sie birgt die Gefahr, dass wir zu viel, zu oberflächlich und zu Verschiedenes durcheinander lesen und überhaupt diese unglaublichen Schätze an Weisheit und Erleuchtung nicht ausreichend zu würdigen wissen. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir mit diesen Schriften anders umgehen müssen als mit unserem sonstigen Lesestoff, denn sie sind weit mehr als bloß Information. Spiritualität lebt davon, dass wir das Gelesene auch in die Tat umsetzen und verwirklichen. Denn, wie Swami Sivananda es ausdrückte: „Ein Gramm Praxis ist mehr wert als eine Tonne Theorie!“
Die Religionen der Welt haben jeweils eigene Wege entwickelt, um dem Leser die tiefe Wahrheit und Schönheit ihrer heiligen Schriften und Weisheitstexte zu erschließen. So gliedert der indische Vedanta die Praxis der meditativen Erkenntnis in vier Schritte:
  • shravana: Hören (bzw. Lesen)
  • manana: Reflexion, Nachsinnen
  • nididhyasana: tiefe Meditation
  • sakshatkara: Verwirklichung,
    Schau Gottes
Übung
Im Folgenden möchte ich diesen Weg anhand eines Beispiels veranschaulichen. Hierfür habe ich einige Verse aus dem 11.Kapitel der Bhagavad-Gita gewählt, in dem Krishna seinem Freund und Schüler Arjuna die Schau seiner Kosmischen Form gewährt, also eine Vision des den ganzen Kosmos umfassenden Göttlichen Selbst.

Vers 12:
„Wenn die Strahlkraft von 1000 Sonnen auf einmal am Himmel erscheinen würde, käme dies dem Strahlen dieser Kosmischen Form am ehesten nahe.“

Vers 13:
„Dann sah der Sohn des Pandu (Arjuna) das gesamte Universum in seiner ganzen Vielfalt in dieser Form vereint.“
Arjuna spricht:

Vers 16:
„Ich sehe dich mit unzähligen Händen, Bäuchen, Mündern und Augen, mit unendlich vielen Körpern zu jeder Seite. O Herr des Universums, O du von kosmischer Form, ich kann aber weder Ende, Mitte noch Anfang deiner Gestalt erkennen.“

Vers 17:
„Überall sehe ich dich mit Diadem, Keule und Diskus – zu allen Seiten als Masse blendenden Lichtes, strahlend wie loderndes Feuer, gleich einer Sonne, unermesslich.“
Angelehnt an die vier Schritte des Vedanta kann man nun meditativ mit diesen Versen umgehen:

1. Lesen. Die Verse langsam und am besten mehrmals lesen. Dabei auf im Innern aufsteigende Bilder und Gefühle achten.

2. Visualisieren. Jetzt die Augen schließen und das Gelesene innerlich visualisieren und möglichst intensiv nachempfinden, eventuell dabei die dazu gehörige Textstelle mental wiederholen. Man kann sich hierbei auf einige wenige Bilder beschränken, die einen besonders ansprechen. Mit diesen Bildern und Empfindungen geht man jetzt intensiv um, indem man sich meditativ betrachtend und nacherlebend darin versenkt. In unserem Beispiel könnte dies das überwältigende Strahlen der kosmischen Form sein, ihre gewaltige Energie oder ihre Unendlichkeit, „ohne Ende, Mitte oder Anfang“.

3. Meditieren.
Nach einiger Zeit versucht man, zur Essenz der erlebten Bilder und Empfindungen zu kommen und diese in einer passenden Meditationsform zu verdichten. Das bedeutet, das betrachtende Denken allmählich ausklingen zu lassen, während die Essenz des Erlebten behalten und in einer formalen Meditation vertieft wird.

In diesem Beispiel könnte dies eine Licht-Meditation sein, bei der das Kosmische Selbst als reines Licht visualisiert wird beziehungsweise die gewählte Form des Göttlichen (in diesem Beispiel Krishna) als Lichtgestalt. Dabei kann das Licht auch in den eigenen Körper hinein geführt werden, um von dort aus in den Kosmos auszustrahlen.

Eine andere Möglichkeit wäre eine Mantra-Meditation. In diesem Fall würde sich ein Krishna Mantra wie zum Beispiel „Om Krishna“, „Om Klim Krishnaya Namaha“ oder „Om Namo Bhagavate Vasudevaya“ besonders gut eignen. Dabei wird das Mantra mental wiederholt, am besten im Rhythmus des Atems. Es können auch beide Übungen (Licht- und Mantra-Meditation) kombiniert werden.

Wichtig ist, dass der Übergang zwischen der Visualisierung des Textes und der formalen Meditationsmethode nicht abrupt erfolgt. Während man mit der gewählten Meditationsmethode beginnt (zum Beispiel das Mantra „Om Namo Bhagavate“ innerlich wiederholt) führt man das Visualisieren noch ein Stück weiter, nun aber verbunden mit der Rezitation des Mantras. Allmählich endet nun das Visualisieren und es wird nur noch das Mantra wiederholt, wobei das Gefühl der Gewaltigkeit, geballter Energie oder Unendlichkeit des Göttlichen Selbst behalten und intensiviert wird.

4.Verwirklichung. Nun lässt man auch die formale Meditation ruhen und verbleibt in der Stille. Dadurch kann die Übung nachwirken und die Frucht der Meditation kann sich setzen und ein Stück weit uns zu eigen werden.

Schließlich gilt es, mit ein paar tiefen Atemzügen allmählich aus der Meditation zu kommen und die Augen wieder zu öffnen. Ein kurzes Gebet, Mantra, Gedicht, Lied oder Kirtan können die Übung abschließen.


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