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Lockere Meinungen

Von Maria Wirth
Haben Sie schon mal eifrig Ihre Meinung vertreten? Und sich richtig toll gefühlt, wenn Sie sich damit durchsetzen konnten? Lesen Sie hier, warum manche Yogis Meinungen nicht sonderlich ernst nehmen

"Jetzt kommt die Krankheit, dass man zu allem eine Meinung haben muss, sogar bis nach Indien." Eine belgische Nonne, die in einem kleinen Ashram in Südindien lebt, machte diese Bemerkung. Es stimmte mich nachdenklich. Sie hat Recht. Im Westen muss man zu allem, was passiert, eine Meinung haben, denn dann wird man für gebildet und für eine reife Persönlichkeit gehalten.

Wir leben schließlich im Informationszeitalter, und es ist leicht, sich eine Meinung zu bilden. Dabei wird meist übersehen, dass die Medien keineswegs umfassende Fakten liefern, aus denen man sich eine ausgewogene Meinung bilden könnte. Oft vermitteln sie fertige Meinungen. Nicht umsonst werden Journalisten Meinungsmacher genannt.

Wenn Leute für gebildet und reif gehalten werden, nur weil sie wiederholen können, was jemand anders gesagt oder geschrieben hat, dann ist das natürlich ein bedauernswerter Zustand. Aber ist es eine Krankheit? Meinungen an sich sind sicher keine Krankheit. Sie sind bloße Gedanken. Aber wenn wir Meinungen zu ernst nehmen, uns mit ihnen identifizieren, in ihnen aufgehen, sie verteidigen und die anderer abwehren oder angreifen, ist das sicher nicht gesund.

Wir werden dann von Meinungen, bzw. Gedanken getrieben, sind von ihnen regelrecht besessen und sind uns dessen gar nicht bewusst. Wir wollen dann andern ‚beweisen’, dass sie falsch liegen – und vergessen, dass ein Beweis, weiß Gott, nicht möglich ist. Die Nonne meinte mit Krankheit wohl diese versteifte Haltung, die in Indien noch nicht so verbreitet ist. Vielleicht deshalb, weil die Inder generell noch eher in ihrer alten Weisheit verwurzelt sind.

Die Weisen Indiens (und nicht nur Indiens) sagen nämlich, dass es sich nicht lohnt und sogar schadet, Gedanken so ernst zu nehmen. Gedanken,  Meinungen, Erinnerungen und so weiter gehen uns durch den Kopf. Sie sind vergängliche Formen im reinen Bewusstsein. Sie sind temporär. Sie mögen zwar immer wiederkommen und nebenbei auch starke und meistens negative Gefühle produzieren, aber wir machen zweifellos einen Fehler, wenn wir uns damit identifizieren, uns dafür halten.

Die Basis für Gedanken und Gefühle ist reines, formloses Bewusstsein (sofern man dem, was sich nicht in Worte fassen lässt, einen Namen geben kann). Wir sind diese Basis, sind dieses Bewusstsein, sind reine Seinsfreude. Wir sind nicht temporär, sondern permanent. Ewig, nicht flüchtig. Wirklich wahr, nicht anscheinend.

Die Weisen raten dazu, so oft wie möglich im reinen Bewusstsein zu verweilen, bzw. darin aufzugehen. Bewusstsein ist nämlich unabhängig von Gedanken. Es braucht keine Gedanken. Gedanken jedoch brauchen Bewusstsein. Wenn wir voll im Hier und Jetzt mit unseren Sinnen präsent sind und den gegenwärtigen Moment sozusagen mit dem ganzen Körper spüren, haben Gedanken keinen Platz. Wir sind dann gedankenlos und dennoch bewusst, wach, aufmerksam im Jetzt. Es fühlt sich wohlig an. Doch es dauert meist nicht lange und dieser stille Leerraum wird wieder mit nutzloser geistiger Aktivität  überkleistert.

Zielgerichtete geistige Aktivität macht einen verhältnismäßig kleinen Prozentsatz von dem aus, was uns durch den Kopf geht. Wenn wir uns ehrlich beobachten, werden wir wohl zugeben, dass unser Denken zum größten Teil nicht zielgerichtet und recht überflüssig ist. Manchmal ist es eindeutig schädlich, zum Beispiel wenn es sich um ärgerliche,  rachevolle oder neidische Gedanken handelt. Das bedeutet, dass wir eigentlich sehr viel Zeit in diesem leeren Zustand verweilen könnten, wenn wir nur wollten... oder könnten?

Wenn wir uns öfter in reinem Bewusstsein aufhalten, in einem Bereich des Nicht-Denkens, in Meditation sozusagen, profitiert übrigens selbst unser Denken davon, behaupten die Weisen. Aus diesem Bereich kommen nämlich Intuition und echte Reife, die einem einen Standpunkt geben, der nicht so wackelig ist, wie der von geborgten Meinungen. Echte Reife hat auch den Mut zu sagen: ich weiß es nicht… ehrlich und herzlich lachend, wie es zum Beispiel der Dalai Lama oft tut.

Es gibt jetzt nur eine Schwierigkeit. Wir sind fast alle so sehr an einen unablässigen, ununterbrochenen Gedankenstrom gewöhnt, dass wir gar nicht wissen, wie der abzustellen ist. Wir schwimmen in diesem Strom mit dem Kopf meist voll unter Wasser. Die Weisen geben einen guten Rat für den Anfang: Sei dir bewusst, dass du denkst oder eine Emotion spürst, sei dir bewusst, dass du eine Meinung äußerst, sie verteidigst, die von anderen angreifst, und so weiter. Urteile nicht darüber.



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Autoren Info

Maria Wirth lebt seit über 25 Jahren in Indien und ist als freie Autorin und Schriftstellerin tätig. Sie ist Autorin des Buches "Von Gurus, Bollywood und heiligen Kühen", Herbig Verlag