Die Heilkraft des Yoga
Von Dr. Daya MullinsWenn wir Quellen im Yoga studieren, hier speziell Patanjali, werden wir entdecken, dass Krankheit als ein Hindernis auf dem Yogaweg beschrieben wird. Im Alltagsleben empfinden wir Krankheit fast ausschließlich auf diese Weise. Wie sieht es für Menschen aus, die Yoga praktizieren und sich in diesem Sinne um eine bewusstere Lebensweise bemühen? Ist Krankheit hier auch ein Hindernis? Ja, und Yoga und Yogatherapie bieten uns Lösungen, damit umzugehen.
Viele Menschen kommen wegen gesundheitlicher Probleme zu uns. Für sie sind Krankheit und Leiden und in diesem Sinne der Wunsch nach Heilung der Einstieg in den Yoga. Krankheit ist dann ein Wendepunkt und gibt den Impuls zu einem neuen positiven Entwicklungsschritt. Wir lernen, die Hindernisse zur eigenen Entwicklung zu nutzen, obwohl in einem Krankheitsfall unsere körperlichen Möglichkeiten eingeschränkt sind. Krankheit wirkt sich auch auf unsere Gedanken und Gefühle aus, so gesehen ist Krankheit ein Hindernis, weil sie die Ruhe unseres Geistes stört. Krankheit zerstreut unsere Aufmerksamkeit. Wir sind nur noch mit dem Wunsch beschäftigt, dass dieses Leiden verschwinden oder sich verringern soll.
Wir lernen im Yoga, dass avidya, Unwissenheit/Mangel an Weisheit, wie ein Schleier über unserem Geist liegt und so unsere Sinne beeinträchtigt, dass es die Hauptursache für unser Leiden ist. Das bedeutet, dass es eigentlich nicht die Krankheit selbst ist, unter der wir primär leiden. Für den einen Menschen kann Krankheit ein Hindernis sein, und er wird immer missmutiger und ungeduldiger dadurch. Für den anderen Menschen kann es ein Hindernis sein, dass er nie krank war und deshalb nicht gelernt hat, Verständnis und Mitgefühl für leidende Menschen zu empfinden. Dies heißt, dass in diesen Fällen die Krankheit auch mit Hartherzigkeit zu tun hat. Wir erleben, dass wenn äußere Schwierigkeiten mit einer Unausgeglichenheit im Menschen zusammenkommen und diese Unausgeglichenheit auch negative Gedanken erzeugt, oft ein Krankheitsbild entsteht. Unser Geist ist gewöhnt, ständig zu wählen. Was er wählt, hängt von der Erfahrung der Vergangenheit ab, und er hat die Tendenz, sich mit dem, was er wählt, zu identifizieren. Das heißt, dass wir die Welt, wie sie in Wirklichkeit ist, gar nicht richtig erleben. Diese Gewohnheit des Geistes ist Ursache all unserer Leiden - vom Blickwinkel des Yoga aus gesehen. Diesen Zustand erleben wir jedoch als den sogenannten "Normalzustand". Wenn wir in einer Heilungssituation unsere normalen Bahnen verlassen, das Bekannte, die Sicherheit und die Bequemlichkeit aufgeben, dann kommt zunächst ein Gefühl von Unsicherheit oder Unwohlsein auf, eine Art von Widerstand, und diesen Widerstand können wir als Krankheit erleben. In diesem Sinne ist Krankheit eine Disharmonie im Körper, die durch unsere geistige und emotionale Haltung hervorgerufen werden kann.
Patanjali spricht in den Yoga-Sutren von neun Hindernissen, außer Krankheit werden z.B. Zweifel, Achtlosigkeit und Faulheit erwähnt, die einem natürlichen gesunden Leben und der Selbstverwirklichung entgegenstehen. Bei näherer Betrachtung sind es verschiedene Arten von psychomentalen Vorgängen, die nicht grundsätzlich schmerzhaft sind. Die Hindernisse überdecken die Wirklichkeit, so dass wir sie nicht wahrnehmen können. Um das zu lernen, brauchen wir ungeteilte Aufmerksamkeit, ein Freisein von Zerstreuungen und innere Ruhe. Wenn wir jedoch krank sind, wenn wir negative Gedanken und Depressionen haben, beeinflusst dies die Atmung, sie kann nicht frei fließen, der Geist ist zerstreut, und wir sind nicht in der Lage, die Wirklichkeit richtig zu erkennen. Ob wir im Yoga Krankheit als Hindernis empfinden, hängt davon ab, wie wir gelernt haben, mit Unangenehmem umzugehen.
Um körperliche Gesundheit zu erlangen, ist ein Gleichgewicht der biologischen Kräfte, der Gewebe und Abfallsprodukte außerordentlich wichtig. In den Yogaschriften lernen wir, dass wir aus fünf Elementen bestehen: Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde. Jedes der fünf Elemente enthält die drei grundlegenden gunas, die drei Grundqualitäten der Natur: sattva, rajas und tamas. Sie bedeuten Balance, Aktivität und Trägheit. Was wir Gleichgewicht nennen, ist dann ein Gleichgewicht zwischen den fünf Elementen und den drei grundlegenden gunas. Nichts ist permanent außer der Veränderung, auch in einem Heilungsprozess.
In unser Arbeit im WEG DER MITTE berichten Menschen, die durch schwere Krankheiten gegangen sind, sehr oft über ihre Erfahrung von Heilungsprozessen. Die Schicksale dieser Menschen zeigen, dass Krankheit nichts Sinnloses ist. Wir erleben im Alltag zwar oft, dass diese Schicksalsschläge sehr schmerzlich sind, bei genauerer Betrachtung erkennen wir jedoch eine Wandlung im Herzen, und oft zeigen sie uns einen neuen Weg, eine neue Richtung, die wir im Leben einschlagen können, um ein erfüllteres und gesunderes Leben zu erfahren. Das Resultat dieser Prozesse bedeutete für den einzelnen letztendlich eine Integration und Harmonisierung von Körper, Atmung und Geist.
In der Yogatherapie sind fünf Hauptfaktoren für die Entstehung jeder Krankheit verantwortlich: Unterdrückung des Verdauungsfeuers - agnimandya, die Ansammlung von Giftstoffen - ama, die Verstopfung der Kanäle - srotorodha, der Verlust der Widerstandsfähigkeit der Gewebe - dusya vaigunya und zuletzt die Beeinträchtigung der biologischen Kräfte - doshas. Die Yogatherapie befasst sich mit der Beseitigung der Disharmonie der doshas. Um Gesundheit zu erlangen oder zu erhalten, ist eine richtige Verdauung grundlegend. Um gutes Feuer zu haben, was so viel wie gute Verdauung heißt, ist "Wind" eine Voraussetzung. Das bedeutet, dass agni, das Verdauungsfeuer, Kraft bekommen muss. Diese Kraft entsteht in unserem Körper durch die Grundenergie aller Bewegungsvorgänge - vata - die ein Zusammenspiel mit agni eingeht. Das bedeutet, dass es äußerst wichtig ist, die Kontrolle von vata im Zusammenhang mit der Verdauung zu erlangen.
Praktisch bedeutet es, dass wir durch unsere Einatmung das Feuer verstärken und die Unreinheiten verbrennen. Beim Ausatmen entfernen wir die wasserlöslichen Abfallprodukte aus unserem System. Wenn wir asanas praktizieren, ändern wir die Position von agni im Verhältnis zu den Giftstoffen im Körper. Außerdem verändern die verschiedenen Haltungen den Pranafluß (Lebensenergie) und ebenfalls die Qualität und den Rhythmus unseres Atems. Vom Gesichtspunkt der Yogatherapie und des Ayurveda ist ein Mensch gesund, wenn die doshas, also die Physiologie, sich im Gleichgewicht befinden, wenn Verdauung und Stoffwechsel, agni, gut arbeiten und richtig funktionieren, wenn die Gewebe, dhatu, und Ausscheidungsfunktionen, mala, normal sind und sich dabei Seele, Geist und Sinne im Zustand dauerhaften inneren Glücks befinden. So wurde es uns von Susruta, einem ayurvedischen Arzt um 1000 v. Chr., übermittelt. Denn wenn die doshas aus dem Gleichgewicht geraten, bilden sich im Körper Stoffwechselschlacken, ama, in Form von Schleim, Säuren oder Gasen. Dadurch entstehen Krankheiten.
Aus dem Yogaverständnis ist Krankheit hauptsächlich ein Mangel an prana, an Lebensenergie. Wir üben asanas und pranayama, um die feinstofflichen Kanäle, die nadis, durch die die Lebensenergie fließt, wieder durchlässig zu machen. Gesundheit ist eine Interaktion zwischen verschiedenen Systemen - dem Körper, dem Geist, der Atmung und - prana.
Prana, die Lebensenergie, fließt im Körper als verschiedene vitale Kräfte, vayus, z.B. bewegt sich apana-vayu im Unterleib und regelt die Ausscheidung von Verdauungsschlacken. Die Verbrennungsrückstände entstehen, wenn unser Verdauungs- oder Lebensfeuer, agni, zu schwach ist. Durch eine solche Ansammlung von Rückständen in diesem Bereich kann Krankheit entstehen, daher arbeiten wir in der Yogatherapie auch mit innerer Reinigung. Wenn wir unsere körperlichen und psychischen Schmerzen ablehnen, stellen wir uns der Realität des Lebens nicht, wozu auch die Erfahrung von Schmerz gehört. Sowohl im Yoga als auch in der Yogatherapie ist die körperliche Gesundheit abhängig von der Ausgeglichenheit des Geistes. Unser Geist ist von Natur aus sehr lebendig. Um darüber eine Kontrolle zu erwerben und den Geist zur Ruhe zu bringen, ist es wichtig, ihm eine Ausrichtung zu geben. Es ist auch wichtig zu lernen, mit Emotionen umzugehen, so dass wir die dahinterliegenden ursprünglichen Gefühle und Impulse entdecken können. Ein regelmäßiges Üben von pranayama ist dafür sehr hilfreich. In der Yogatherapie ist ein erstrebenswertes Ziel die Zunahme von sattva, das den Menschen kreativer, gesünder und glücklicher macht. Sattva bedeutet z.B. ausgeglichener, klarer zu werden, zunehmend Kraft zu bekommen.
Im Yoga gehört zum Körperlichen nicht nur das, was wir im Westen unter Körper, sondern auch das, was wir unter Seele, Psyche und Geist verstehen. Die psychologische und die intellektuelle Hülle sind z.B. nur zwei der sieben körperlichen Hüllen, koshas, die unseren Wesenskern, das Selbst, bedecken. So wird es in der Taittiriya-Upanishad beschrieben. Im Yoga treffen wir auch auf den Ansatz, dass jede Krankheit eine mentale Wurzel hat, dass sie zuerst auf der mentalen Ebene entsteht. Unsere Arbeit besteht also darin, auf allen Ebenen durch einen Reinigungs- und Stärkungsprozess zu gehen und so Yoga gesundheitsfördernd anzuwenden. Wenn wir ernsthaft an einem Heilungsprozess arbeiten, um Leiden aufzuheben, können wir vielleicht anfangs nicht erkennen, wie Ursache und Wirkung zusammenhängen, da wir manchmal nur ein unerklärliches Ergebnis beobachten. Oder wir können vielleicht eine Ursache beobachten, das Ergebnis aber noch nicht wahrnehmen, da es in diesem Moment noch nicht zu existieren scheint.
Wir können zwei Arten von Heilung beobachten. Es gibt die Heilung, bei der wir Symptome im Körper und bis zu einem gewissen Grad im Mentalen entfernen, und es gibt eine andere Form der Heilung mit dem Ziel, Ganzheit wiederherzustellen. Die letztere ist die schwierigste, sie erfordert, dass der Behandler in seinem eigenen Zentrum ruht, wo das wirkliche Verstehen - Bhavana stattfindet, sowohl Nimitta-Bhavana, die Tatsache, dass wir ein Werkzeug in der Hand des Göttlichen sind, als auch Narayana-Bhavana, die Tatsache, dass wir Gott in allem dienen. Ohne dieses tiefe Verständnis ist unsere Arbeit mühevoll, mit diesem Verständnis wird die Arbeit zur Andacht. Denn alle unsere Kräfte werden durch die Seinsstufe bestimmt, durch den Grad des Bewusstseins, den wir erlangt haben. Ein Behandler muss seinen eigenen Bewusstseinszustand trainieren, ein Bewusstsein über die eigene Kraft erlangen und die Beziehung zwischen der Kraft und dem Mentalen verstehen lernen. Wichtig ist auch zu wissen, dass die Vitalkraft als solche in ihrem Ursprung rein ist und keine Reaktionen auf negative Gedankenstrukturen hat.
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